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Lebensgefühl

Alternativen

Es ist ein herrlicher Sonntag im Frühherbst. Ich war bei Freunden zum Brunch eingeladen und jetzt möchte ich noch ein paar Stunden für mich sein, im Grünen. Ich fahre also mit meinem Fahrrad, meiner Hängematte, dicker Sonntagszeitung und Proviant in den sehr großen nördlichen Teil des Englischen Gartens und suche mir lange ein geeignetes ruhiges Plätzchen, abseits. Leicht schwinge ich in meiner Matte, lese, esse, schlummere, höre die Blätter rauschen und den Specht klopfen, Menschenstimmen nur von ganz weit. Dann aber dringt ein neues Geräusch in mein Luxusgefüge, ein leiser, zischender, sich ständig wiederholender Beat. Die Wahrnehmung erreicht über meine Ohren erst allmählich mein Gehirn.

Ich registriere mit Schrecken, dass Menschen hier nicht nur vorbeigegangen sind. Vielmehr haben sich ein paar junge Leute nahe meinem Abseits niedergelassen und hören ihre Musik. Ich realisiere das und meine Reaktion beginnt. Die eine innere Stimme sagt: Reg Dich nicht, das ist ein öffentlicher Park, andere Leute wollen auch den sonnigen Sonntag genießen, so laut ist das nun auch nicht. Entspann Dich mal! Die andere Stimme drängt sich in den Vordergrund: Das darf doch wohl nicht wahr sein. Diese Deppen! Rücksichtslos! Können die nicht woanders? Das ertrage ich nicht!

Ich schaffe es fast, den Wettstreit meiner beiden inneren Stimmen nur zu beobachten, aber die unentspannte Stimme ist stärker und gibt keine Ruhe. Ich überlege, schäle mich aus meiner Matte, lockere mich und schlendere dann rüber zu dem Grüppchen. Ich werde neutral bis abweisend beäugt, in der Art: Was will die Alte? Ich schildere den jungen Leuten meine Hängemattenidylle und dass ich da nur den Beat höre, keine Melodie, und ob sie nicht vielleicht etwas für meine bejahrten Ohren hätten, als Alternative? Der für den Sound zuständige junge Mann wirkt aufgeräumt. Ja, klar, was hätte ich denn gerne? Die Beatles (oh weh, schaue ich so alt aus?), oder Santana? Pink Floyd?

Wunderbar, genauso, ich stimme zu, bedanke mich sehr und begebe mich wieder in meine Matte. Das Grüppchen legt als erste auf „Wish you were here“ von Pink Floyd. Seit Jahrzehnten ein Lieblingslied von mir. Ich bin entzückt. Als das Grüppchen nach einer Stunde geht, winke ich noch hinüber, rufe Merci! Sie winken fröhlich zurück. Das war eine gute Lektion für mich.