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Lebensgefühl

Ein Kommen und Gehen, das Leben

Ich bin vor zwei Wochen Großmutter geworden, welche Freude! Und wie immer bin ich fasziniert von dem Ereignis und Anblick eines neugeborenen Menschen. In den ersten Wochen scheinen mir die Mimik und der Blick wie von einem aus fernem All auf der Erde Gestrandeten. Das fremde kleine Wesen muss erst hier ankommen, sich neu fühlen lernen, herausgepresst aus seinem bisherigen Lebensraum, nichts mehr ist, wie es war, nichts gilt mehr. Das Menschlein muss sich in der Welt orientieren, Anhaltspunkte finden und sich so Durchhangeln bis zum vollständigen hier Ankommen und Dasein.

Ein Neugeborenes und ein uralter Mensch können einiges gemeinsam haben, als ob sich ein Kreis schließt. Als unsere Mutter vor einigen Jahren in ihrem 89ten Lebensjahr starb, war sie zu einer winzigen Greisin mutiert, die in ihrem Pflegebett immer mehr dahinschwand. Es war so, als würde ihre teilweise recht widerspenstige Persönlichkeit sich auflösen. Dahinter war aber nicht Nichts, sondern zeigte sich eine für uns Töchter neue, fast mysteriöse, auch ganz ruhige und liebenswürdige Seite unserer Mutter. Das waren ganz andere Sphären, kaum von dieser Welt. Etwa drei Monate ging das so, nach einem schweren Sturz, und war ein großes Geschenk für uns. Es gab viel Versöhnliches und Gutes. Und dann flatterte eines Tages das Leben davon.

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Wenn ich mein Leben

von Jorge Luis Borges

Wenn ich mein Leben
noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben
würde ich versuchen mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter
als ich gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.

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Alternativen

Es ist ein herrlicher Sonntag im Frühherbst. Ich war bei Freunden zum Brunch eingeladen und jetzt möchte ich noch ein paar Stunden für mich sein, im Grünen. Ich fahre also mit meinem Fahrrad, meiner Hängematte, dicker Sonntagszeitung und Proviant in den sehr großen nördlichen Teil des Englischen Gartens und suche mir lange ein geeignetes ruhiges Plätzchen, abseits. Leicht schwinge ich in meiner Matte, lese, esse, schlummere, höre die Blätter rauschen und den Specht klopfen, Menschenstimmen nur von ganz weit. Dann aber dringt ein neues Geräusch in mein Luxusgefüge, ein leiser, zischender, sich ständig wiederholender Beat. Die Wahrnehmung erreicht über meine Ohren erst allmählich mein Gehirn.

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Raum schaffen

Vergangene Woche habe ich im Nebengebäude unseres Hauses in Frankreich ein Wasserreservoir und eine dazugehörende Pumpe, beide Teile uralt, verrostet schon, abbauen lassen. Nachsinnend erinnerte ich mich an viele immer wiederkehrende Gedanken, die das Ganze als im Weg stehend empfanden, an kleine Ärger, wenn ich die Stühle daran vorbei nach draußen rangieren musste, und Jahr um Jahr wurde es beschwerlicher.

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