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Corona

Corona 1

Wieder ein herrlicher Freitag, Sonne, mildes Lüftchen. Wir planen diesmal die Umrundung des Starnberger Sees per Rad. Sportliche Betätigung eines Paares in Hausgemeinschaft. Das ist bei den aktuell geltenden bayrischen Ausgangsbeschränkungen noch erlaubt. Das Auto parken wir in einer Seitenstraße im reichen Starnberg. Beim Ausladen der Räder nähert sich ein älterer Mann seinem Gartenzaun und fängt an, uns zu beschimpfen. Wir seien das Allerletzte, verantwortungslose, egoistische Leute, er sei Hochrisikopatient, wir scherten uns um nichts, er rufe die Polizei, usw.

Ich halte inne und bin ganz baff ob dieser Tirade. Ich versuche, mich zu erklären, mich begreiflich zu machen, seiner Aufregung auf den Grund zu gehen. Umsonst. Er ist außer sich, schimpft und beschimpft weiter, zieht sich dann langsam in die Tiefe seines Gartens zurück, wo sein stattliches Haus steht. Was ist geschehen? Dieser Mann muss sich als rechthabendes Opfer sehen, voller Angst und Aggression.

Ich bin selber schon im „gefährdeten“ Alter und schreibe daher, was ich schon seit vielen Jahren denke und jetzt, in Zeiten von Corona, sehr schmerzhaft als Irrsinn wahrnehme. Wieviel Kapazitäten und Ressourcen gerade „zum Schutz der Alten“ aufgebracht werden, wieviel Hysterie und Angst verbreitet werden, statt all diese Ressourcen am Anfang des menschlichen Lebens zu investieren, in Kinder und Jugendliche. Für mich stimmt die Relation da schon lange nicht mehr. Ich will diese Sonderbehandlung nicht. Ich schäme mich.

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  1. Hana Hacunda

    „Mit möglichst wenig möglichst viel zu sagen“ (Hilde Domin im Interview des BR 1991)
    Wie zeitlos, wie wahr angesichts der vielen aufgeregten, lauten Worte in der Welt.
    (Wie war wohl Hilde Domins Sprache als politisch engagierte Frau, bevor sie mit Ihrem Mann ins Ausland ging? Gedichte schrieb sie ja erst später.)

    Corona 3
    Nach mehrwöchiger Pause, nach ratloser Stille und Abwarten, was Corona für uns bedeutet, bricht nun Wortschwall über uns herein. Die Natur hatte ihre Verschnaufpause und scheint besänftigt, der geheimnisvolle Virus scheint zurückgezogen und weniger gefährlich, die Sonne scheint auch, und aus der Dunkelheit treten nun die Besserwisser ans Licht. Lautstark und profilierungssüchtig melden sie sich zu Wort. Mit möglichst viel möglichst wenig und schon gar nichts Neues sagen! Gruppenkonform, mit vorhersehbaren Argumenten, im Einklang mit der Ideologie der jeweiligen Weltanschauungs- oder Parteizugehörigkeit. Und alle sehen sich in einem Zwangsstaat, sogar diejenigen, die selbst zu Zwang, Ausgrenzung, Verfolgung aufrufen.

    „Wofür muss denn die DDR noch alles herhalten!“ Meine Berliner Freundin empört sich. DDR-sozialisiert, berufliche Neuorientierung nach der Wende, als das Diplom wertlos wurde, Scheidung, existenzieller Neuanfang; hochintelligent, gebildet und wissbegierig, freiheitsliebend, religiös, engagiert. Meine Freundin ist so vielseitig, sie lässt sich keiner Gruppierung oder weltanschaulichen Richtung zuordnen. Eigenverantwortliches Handeln und selbständiges Denken würde sie sich nicht nehmen lassen.

    Auf die aktuellen Vergleiche der staatlichen Verordnungen mit Zwangsmaßnahmen der DDR reagiert sie mit Unverständnis. Sie wartet auf den Impfstoff und auf die App zur Nachverfolgung der Infektionskette. Sie hat den schweren Krankheitsverlauf mit Spätschäden bei einem befreundeten Ehepaar (nicht alt, nicht vorerkrankt) erlebt.

    Sie spricht mir aus der Seele. Zeitlich begrenzte Pandemiemaßnahmen mit Zwangsmaßnahmen in der DDR zu vergleichen?! Haben wir vergessen, wie sich staatliche Willkür ANFÜHLT? Die Angst bei jedem Regelverstoß, die Bedrückung bei jedem Behördengang, das Zittern vor den Grenzsoldaten, und sei es am Grenzübergang zum „Bruderstaat“? Die Furcht vor Existenzverlust, das Misstrauen im gesellschaftlichen Leben, den physischen und und psychischen Druck im öffentlichen Leben!?

    Julian Nida-Rümelin, Philosophie-Professor und Ethiker (Mitglied des Ethikrats) äußert in einem Interview wichtige Gedanken zu Corona, zu „Zwang, Angst und Irrationalität, zum Schutz gefährdeter Menschen und zur drohenden wirtschaftlichen Depression“ (NQ, 09.05.2020). Wichtig ist für mich seine Mahnung, „der Staat [solle] im Einklang mit seiner freiheitlichen Verfassung von Zwangsmaßnahmen zu Empfehlungen wechseln“.
    Gestolpert bin ich über die Worte, mit denen er seine Mahnung einleitet: „Sobald es die Lage erlaubt…“

    Wer entscheidet, WANN es die Lage erlaubt? Ich bin froh um die offene Diskussion in unserem Land. Der Ethikrat wird gehört und ernst genommen. Ich bedaure die Freiheiten, die Volksverhetzer in unserem Land genießen. Ich schäme mich für mein Herkunftsland und seine ehemaligen „Bruderländer“, in denen es die Volksverhetzer inzwischen an die Spitze geschafft haben, ihr Volk belügen, die Menschen ihrem Schicksal überlassen, die Idee von Freiheit und Solidarität mit Füßen treten. Diese Leute machen mir Angst. Ich fühle mich in unserem Land weder unfrei noch entmündigt. Es gibt noch Menschen, die sowohl ihre Verantwortung als auch unsere Eigenverantwortung ernst nehmen, die erst nach reiflicher Überlegung sprechen und in dem Bewusstsein, dass wir Nicht-Wissende und Suchende sind. Werden sie und wir uns gegen den lautstarken Zwist und Hass, gegen das Gebrüll, durchsetzen?

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