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Hilde Domin

„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ 

Dieser Satz, gefunden auf einer Postkarte mit dem Portrait einer schon älteren, mir bis dahin unbekannten Frau, nämlich der Dichterin Hilde Domin, hat mich sofort gepackt. Die Karte hing lange an meiner Pinnwand. Ich hörte, dieser Satz steht auf ihrem Grabstein in Heidelberg, wo sie mit ihrem Mann liegt.

Jetzt ist mir zufällig auf Youtube die Aufzeichnung der Sendung „Wortwechsel“ aus dem Jahr 1991 begegnet, in der Hilde Domin 45 Min lang befragt wird und sie erzählt. Ich habe mich in diese Hilde Domin verliebt. Und in ihre Gedichte inzwischen auch.

Ich erlebe eine achtzigjährige Frau, eine echte Dame, die unglaublich viel Mut und Würde ausstrahlt, aber man spürt auch ihre Verletztheit.  Eine deutsche Jüdin, eine Kölnerin, die schon 1932 das Land verließ und 22 Jahre später, 1954, mit ihrem Mann nach Deutschland zurück kehrte und hier 96 Jahre alt wurde. Sie ist gekleidet wie eine ältere Dame, hat eine passende Frisur und zeigt innerlich wie äußerlich eine solche Stimmigkeit mit ihrem Alter, dass ich ganz fasziniert bin. Und nicht einmal teilt sie das Leben, das Widerfahrene ein in Opfer und Täter, sondern bezieht sich ganz auf den einzelnen Menschen. Sie, 15 Jahre auf der Flucht in verschiedenen Ländern, sagt:

"Es gab die Möglichkeit, zusammensitzen und zu klagen, und es gab die Möglichkeit, das, was einem angeboten wurde, zu lernen und zu leben. Ich und mein Mann, wir haben uns immer für die Freiwilligkeit in der Unfreiwilligkeit entschieden."

Für mich ist diese Sendung eine Perle.

Ich habe noch eine kurze dreiminütige Sequenz aus einem Dokumentarfilm mit ihr auf Youtube gefunden, da ist Hilde Domin etwa 95 jährig, kurz vor ihrem Tod. Eine große Veränderung im Vergleich zu der achtzigjährigen Frau 15 Jahren davor, aber wieder so anrührend. Sie sagt zu der jungen, etwas zudringlichen Filmemacherin ( Filmaufnahmen mit dem Gesicht von unten in Großaufnahme ! Das sei doch so schön):

 „Komm nicht so nah heran mit Deiner Kamera, das ist unmöglich, ungehörig, lass das, bestimmte Dinge gehen einfach nicht. Man kann einen Menschen mit über 90 nicht so behandeln, als sei er vierzig oder zwanzig.“

So gut, diese paar Minuten. Diese Frau war  verletzt und trotzdem nicht klagend, und auch nicht verbittert, sondern voller Leben, das hat eine unglaubliche Würde.

Wer schaut: Kommentare bitte, ich bin gespannt!

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  1. Hana Hacunda

    Hilde Domins Interview – eine wunderbare Empfehlung, Danke. Welch eine würdevolle, schillernde, lebendige Persönlichkeit, wie bereichernd ihre Gedanken und Worte.

    Die Moderatorin hat es schwer angesichts des engen Korsetts des Fragemanuskripts und der vorgegebenen Sendezeit… Dabei möchte man Hilde Domin einfach nur ungestört zuhören, Ihre Sätze festhalten, weil sie einen so lange beschäftigen.
    „Gedichte … sind Trost … sind wie ein Gebet“
    „Gedichte bleiben immer jung … wie die Körper der Liebenden“
    „Gedichte verselbständigen sich“
    „das Gedicht gehört dem Leser wie dem Autor“
    „das Geschriebene erst veröffentlichen…, wenn es mit Blaulicht daherkommt“
    „mit möglichst wenig möglichst viel zu sagen … „

    Oder die Gedanken zum Schrecklichen, zum Holocaust, einem Erklärungsversuch. „Wir machen alles sehr gründlich“ mit unserer „Neigung alles von A bis Z zu tun, auch wenn andere beim M aufhören“.

    Auch eine für mich ganz neue, überraschende Sicht auf die Studentenbewegung:
    „Die Studenten wollten marschieren… Liebe sollte weg… Gedichte sollten weg…

    Ich möchte mehr über Hilde Domin erfahren. Sie hat für mich große Aktualität und mir viel zu sagen.

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