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Reife

Ich bin es selbst

„Wenn ich jetzt, in diesem speziellen Moment, zurückblicke, bin ich freier, mit weniger Gepäck, als ich je in meinem Leben war. Siebzig, das ist also wie ein Neuanfang.“ Das sagt Marina Abramovic in einem Interview, sie, die viele Jahre lang als Nomadin gelebt hat, die sich als Künstlerin mehr Freiheiten genommen hat, als ich mir je vorstellen konnte! Und weiter: „Wir sind Gefangene unserer Selbst. Wir sperren uns in Situationen ein, aus denen wir uns nicht befreien können, in Gewohnheiten, in immer wieder schlechte Entscheidungen, in Dinge, von denen wir glauben, wir seien verpflichtet, sie zu tun, es aber gar nicht sind.“

Ich bin dankbar für solche Sätze, auch dafür, dass sie erst mit 70, in meinem Alter,  ausgesprochen wurden. Und ohne Bedauern darüber. Für sie ist es nicht zu spät, für mich auch nicht.

Marina übernimmt Verantwortung, ich auch: Fühle ich mich eingesperrt, bin ich es, die sich einsperrt, die sich wie eine Gefangene vorkommt. Sind Entscheidungen schlecht ausgefallen, bin ich es, die sie so getroffen hat. Also nicht Du, nicht die Umstände, nicht die Gesellschaft, immer nur ich. Das nenne ich Freiheit. Hört sich einfach an, ist aber mit harter Arbeit verbunden. Schuldzuweisungen sind einfacher, Stories, die davon handeln, warum „es“ so gekommen ist. Ich nenne es emotionale Reife, die mich jetzt, mit 70, erfüllt, mir die Tür zu einer Freiheit öffnet, die ich mit 40, 50, 60 noch nicht hatte. Ein langer Prozess, ein oftmals durchlittener Weg und viel harte Arbeit. Dass es weiter geht, immer weiter, richtet mich auf.

Und was ist mit den schweren Schicksalen, die keine Eigenverantwortung zulassen? Ihnen begegne ich mit Respekt und Demut. Dass auch hier emotionale Reife in eine Freiheit führen kann, davon bin ich überzeugt.