Mobilnavigation
Würde

Würde

Vor Jahren, wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten, habe ich mal Marika Rökk im Fernsehen erlebt. Sie wurde im Rahmen irgendeiner Show von einem geckenhaften jungen Mann interviewt, der alles daran setzte, sie aus der Reserve zu locken. Frau Rökk muss damals so um die achtzig gewesen sein, mit blonder, aufgeplusterter Frisur, grell geschminkt, ihr Kleid im Tanzmariechen-Look, schrill, kichernd. Dann hat der junge Mann sie aufgefordert, dem Publikum vorzuführen, wie weit sie ihre Beine noch hochkriegt. Und sie kam dieser Aufforderung nach. Noch heute bekomme ich rote Ohren, wenn ich daran denke.

Warum hat sie das getan? Warum hat sie sich überhaupt einer solchen Situation ausgesetzt?

Mögliche Antworten: Sie brauchte dringend Geld. Sie identifizierte sich bis ins hohe Alter mit dem Image, das sie als Filmstar hatte (temperamentvolle schöne junge Frau). Sie wollte aller Welt vorführen, wie jugendlich und beweglich sie (noch) war, wobei die zweite und die dritte Antwort eng miteinander zusammenhängen. Sie kam nicht damit zurecht, in Vergessenheit zu geraten.

Das Thema „Würde“ ist ein weites Feld, das in sehr viele Themen mehr oder weniger offensichtlich eingreift. Für mich ist es ein lebenslanges Thema, verästelt, kompliziert, spannend, hautnah.

Man kann es so sehen, oder nein, ich sehe es so:

Das Leben erteilt uns eine Lektion nach der anderen. Manche dieser Lektionen sind schrecklich und grausam, aber jede birgt die Chance in sich, dass wir etwas lernen, die nächste Stufe erklimmen, einen größeren Überblick gewinnen, unseren Horizont erweitern, daraus Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen schöpfen, was die Grundvoraussetzung für menschliche Würde ist. Jede dieser Stufen gaukelt uns vor, dass die Treppe ihr Ende erreicht hat, dass wir nun endlich Bescheid wissen – bis wir die nächste Lektion erteilt bekommen. Die nächste Stufe wird sichtbar und mit ihr unsere nächste Aufgabe. Davor die Augen zu verschließen heißt, nichts mehr lernen zu wollen, zu erstarren in alten Überzeugungen und Gewohnheiten, rückwärtsgewandt den „guten alten Zeiten“ nachtrauernd. Die Jugend hat Recht, wenn sie sich mitleidig und gelangweilt von einem alten Menschen abwendet, der „vom Leben enttäuscht“ festgezurrt in der Vergangenheit hockt.

Das Szenario rund um das Marika-Rökk-Interview ist noch unangenehmer. Hier wird auf Spott und Häme gesetzt, auf die Faszination des Groteskes, was die Einschaltquoten hochtreibt. Eine alte Frau gebärdet sich wie ein junges, aufgedrehtes Mädchen – ein Bild der Würdelosigkeit, das Gelächter ernten soll. Hoffentlich hat Frau Rökk dies auch bemerkt, aus dieser bitteren Lektion gelernt und so ihre Würde zurückgewonnen. Obwohl das Bild mit der Treppe einen etwas biederen Anstrich hat, gefällt es mir. Ich stelle mir vor, dass jeder Mensch seine ganz persönliche Treppe erklimmt, dann in möglichst luftigen Höhen angelangt ist, sich umschaut und all die anderen Treppenersteiger entdeckt, manche ganz nah...

0

  1. Hana Hacunda

    11.05.2020
    Liebe Gabriele,

    danke Dir und Deinen Schwestern für Eure Einladung zum Blog.

    Dein Thema „WÜRDE“ spricht mich an: in Würde alt werden, sich auf das Wesentliche beschränken, für die mir teuren Menschen da sein, würde- und liebevolle Spuren bei ihnen hinterlassen, mich der Angst vor der Gebrechlichkeit und dem Tod stellen… Aber auch neugierig auf die (Außen-)Welt sein, staunen, herzlich lachen…

    Worte, die mich berühren, z.B. von:
    Jan Skácel (1922-1989), einem tschechischer Dichter, im Gedichtband „Wundklee“, im Tschechischen vergriffen, deutsch in der Übersetzung von Reiner Kunze.

    TRAUERN
    Drei große trauern gibt’s auf dieser welt
    drei trauern groß und niemand weiß
    wie diesen großen trauern aus dem weg gehn

    Die erste trauer Ich weiß nicht wo ich sterben werde
    Die zweite trauer Ich weiß nicht wann das sein wird
    Und die letzte Ich weiß nicht wo ich mich in jener welt befinden werde

    So hörte ich’s im lied Lassen wir es so
    lassen wir es wie das lied es singt Haben wir den mut
    nach der angst zu fassen wie nach einer klinke und einzutreten

    AUFBETTEN
    Immer wenn du abends aufbettest
    stehe ich schweigsam am fußende des betts
    und frage mich im geist wer einmal uns beiden
    das letzte bett richten wird

    jenes ganz aus erde wir haben ein anrecht darauf
    erworben durchs leben und keine menschliche lüge
    kann es uns nehmen das sag ich mir im stillen
    und lehne mich still ans bettgestell

    DIE MENSCHEN NEHMEN EINANDER WEGEN DER STILLE

    die menschen nehmen einander wegen der stille
    man hört sie nur zu zweit anders nicht
    und anders erdrückt sie anders bricht
    der mensch zusammen unter der stille

    … Diese Gedichte drücken für mich nicht nur Trauer, sondern auch eine tiefe Mitmenschlichkeit, ja, Liebe aus.

    Deine Gedanken zu Marika Rökk teile ich. Es gibt für mich ein wundervolles Gegenbeispiel für würdevollen Humor im Alter; es hat sogar einen Namen, der mir spontan einfiel, als ich den Namen eures Blogs, „Altersglanz“, las:
    Es ist der Film „Altersglühen“, in kurzer Zeit gedreht mit sehr humorvollen, hochkarätigen Schauspielern, die im Film viel improvisieren und einfach nur herrlich sind in ihrer Ausstrahlung und in der Situationskomik.
    Vermutlich kennst du ihn. Ansonsten schau mal nach im Internet unter „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ ?.

    Möge uns ganz viel herrlicher und niveauvoller Humor im Alter begleiten!
    ???

    Liebe Grüße, Hana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Löse bitte die Aufgabe : *
22 − 20 =